Untertagelauf in Sondershausen – oder: Wie ich
freiwillig in ein Loch gefahren bin, um dort 10 km zu leiden
Der Kristalllauf in Sondershausen ist kein gewöhnlicher
10-km-Lauf. Eigentlich ist es eher ein Mix aus Abenteuerurlaub,
Extremsport und „Warum mache ich das eigentlich?“.
Zur 26. Auflage ging es im Brügmannschacht erstmal stilecht nach
unten – und zwar nicht gemütlich, sondern im Förderkorb. Eng,
laut, rumpelig… ich sag mal so: Wenn du vorher noch nicht wach
warst, bist du es spätestens jetzt. Drei Mal Druckausgleich
inklusive.
Unten angekommen: angenehme Wärme, trockene Luft und eine kurze
Bergwerksführung im Schnelldurchlauf. Nebenbei erfährt man, dass
hier vor über 230 Millionen Jahren ein Meer war. Heute: Läufer, die
sich freiwillig durch Salzstaub quälen. Evolution kann schon
seltsame Wege gehen.
Das Einlaufen fand in einem Stollen statt, der ungefähr so lang
war wie mein Wohnzimmer – nur staubiger. Der Boden? Gemahlenes
Salz. Ergebnis: Nach fünf Minuten sahen wir alle aus wie frisch
paniert.
Knapp 300 Starter versammeln sich im Hauptstollen
Pünktlich um 11:00 Uhr ging’s los – aber natürlich erst,
nachdem gemeinsam das Steigerlied gesungen wurde. Wann hat man das
schon mal vor einem Lauf?
Endlich werden wir in die Dunkelheit entlassen.
Direkt nach dem Start: Anstieg. Noch moderat. Man denkt: „Ach,
geht ja.“
Später: Das bleibt nicht so.
Was folgt, ist eine Mischung aus Berglauf und körperbetonter Komik:
Steigungen, die länger werden
Gefälle, die entweder glatt wie
eine Eisbahn oder rutschig wie Schmierseife sind
Abschnitte, in denen es plötzlich stockdunkel wird
(immerhin: da sieht man nicht, wie schlecht man läuft, meine Uhr war nicht zu erkennen)
Spätestens jetzt wird klar: Das ist kein Lauf – das ist ein
Überlebenstraining.
Zuschauer? Fehlanzeige. Statt Applaus gibt’s die eigene Atmung,
das Knirschen von Salz und gelegentlich die Frage im Kopf: „Bin ich
hier eigentlich noch richtig?“
Immerhin kündigt sich der Start-/Zielbereich jede Runde mit einer
frischen Brise an – wahrscheinlich die einzige Klimaanlage, die man
sich beim Laufen wirklich herbeiwünscht.
In jeder Runde der prüfende Blick auf die Uhr.
Nach 5 Runden, 10 Kilometern, gefühlt 1000 Höhenmetern und einer
halben Tonne eingeatmetem Salzstaub dann das Ziel.
Und tatsächlich: Am Ende stand ich auf dem Podest.
Trotz
Altersklassen in 10er-Schritten – was im Grunde bedeutet: doppelt
so viele Gegner, halb so viele Ausreden.
Fazit:
Würde ich es wieder tun?
Eher nicht.
Warum?
Dafür habe ich zu sehr gelitten.
Alle Bilder wurden von Sebastian Fernschild (Thüringer Allgemeine) zur Verfügung gestellt.